Hochglanzvanitas

zur "Masseter Suite" von Heleno Bernardi

von Julia Brodauf


Klick. Fotos halten den Bruchteil einer Sekunde fest. Dennoch ist auf diesen Fotos zu sehen, wie die Zeit vergeht: Besonders bei der Arbeit „Levator Scapulate" hat unter der Hitze der Scheinwerfer das Material zu zerlaufen begonnen, hat schon Fäden gezogen und kleine Pfützen gebildet. Merke: Alles fließt, alles ist vergänglich. Womit wir schon mittendrin in dem vielschichtigen Spiel mit Zeichen und Verweisen wären, das Heleno Bernardi hier mit so wenigen und einfachen Mitteln so frech in Szene gesetzt hat.

Ein Arm, eine Büste, ein Schädel: Ein Repertoire klassischer Elemente aus Skulptur und Malerei. Die Kühle und Erhabenheit, mit der solch museales Objekt die Blicke an sich abgleiten lässt und still in seiner vergangenen Zeit verharrt, sucht man hier jedoch vergeblich. Bernardi hat seinen skulpturalen Platzhaltern die Neuzeit übergestülpt, und die klebt nun daran fest. Das eigenwillige Material, das in diesen Bildern die Hauptrolle spielt, ist Kaugummi. Rosafarbener Kaugummi, der den Gedanken an die kunsthistorische Vergangenheit eigene Kindheitserinnerungen hinzufügt: Beim Anblick der zerkauten Schlieren scheint synthetischer Fruchtgeruch durch den Raum zu ziehen und schon ist sie da, die Ahnung des mahnenden „Carpe Diem", die einen Jeden betrifft.
Zeit ist förmlich in dieser Arbeit konserviert: Schließlich mussten alle Kaugummis vor ihrer Verarbeitung erst ausgiebig gekaut werden. Und dann kommt plötzlich Tempo in die Sache: Skizzenhaft formte Bernardi aus den rosafarbenen und roten Strängen eine Kopfbüste, überformte einen Schädel oder seinen Arm, so dass man einen Augenblick lang meint, Muskeln zu sehen, Sehnen, ein offengelegtes Innenleben. Auf den zweiten Blick aber fühlt man sich weniger an eine analytische Darstellung nach Art beispielsweise eines Damien Hirst erinnert, sondern eher an eine Mutation nach Art von HR Gigers „Alien"-Filmmonstern. Bernardi belässt es bei einer Andeutung von Schauerlichkeit in Sachen Anatomie und spannt mit seinen klebrigen Kaugummifäden quasi eine Schlinge um den Erdball, durch die sich die Gegenwart, die Geschichte und die eigene Biografie auf geradezu beiläufige Art und Weise verbinden. Zäh wie Kaugummi spanne sich die Zeit durch den Raum, so beschreiben Physiker die Relativitätstheorie.

Im Volksmund mahlt der Zahn der Zeit. Bernardi hat seine Bilder mit den lateinischen Namen von Kaumuskeln betitelt. Buccinator, Genioglossus, und, besonders sprechend: Temporalis, ein Schläfenmuskel. Die Pseudomuskeln aus Kaugummi ersetzen die echte Muskulatur zum Beispiel auf einem kahlen Schädel, der archäologisches Fundstück sein kann oder Reliquie oder Requisit: „Sein oder nicht sein" grollt es bedeutungsschwanger unter der wabbeligen Masse hervor, „das ist hier die Frage". Hamlets Zeitgenossen werden auch durch die Bildsymbolik auf den Plan gerufen, eine Epoche, genauso lateinisch betitelt wie die Bilder: Vanitas-Stilleben waren groß en Vogue, als im 17. Jahrhundert reiche Holländische Händler sich per bildlicher Mahnung zum moralisch korrekten Leben mahnten. Alles sei „eitel", sagten die Bilder, alles wertlos. Zur Illustration dienten neben den Schädeln und anderen Symbolen auch Essbares, eine angeschnittene Zitrone etwa. Bernardi wählt für seine Bilder ein Lebensmittel, das so vergänglich nicht ist: Fünf Jahre dauert es, bis sich ein auf der Straße klebender Kaugummi zersetzt hat. Ein rebellisches Lebensmittel, dass weder leicht vergeht, noch sich wirklich einverleibt werden sollte: Man bläst fröhlich eine Blase daraus und spuckt es wieder aus. Wohin dann damit? Oft pappt es unter einer Tischplatte oder einem Straßenbahnsitz und widersetzt sich dort keck der Vanitas.

„Barocco", das portugiesische Wort für eine schiefe Perle, gab der Epoche den Namen, die auf melancholische Weise unter all ihrer Opulenz das Wesentliche aufscheinen lassen wollte. Der Bildhauer und Architekt Aleijadinho versah mit seinen Bauwerken die Provinz Minas Gerais, aus der auch Bernardi stammt, mit barocken Elementen, ein weiterer dieser langgezogenen Kaugummifäden, die Verbindungen aufzeigen.

Seit 1985 lebt der 37jährige Bernardi jedoch in Rio de Janeiro, studierte zunächst Architektur und besuchte später die Kunsthochschule Parque Lage. Nach einer mehrjährigen Auszeit ist die „Masseter Suite" sein erster Auftritt auf dem Kunst-Parkett.
Quadratmetergroß erscheinen die Schädel. Die Dunkelheit, die im 17. Jahrhundert den Blick auf die leeren Augenhöhlen und die gebleckten Zähne minderte und gleichzeitig die Düsterheit des Themas betonte, wurde gegen die sorgfältige Ausleuchtung eines Fotostudios ersetzt, ganz klar: Wir befinden uns im Jahr 2004, im Zeitalter der Massenmedien und des Hochglanzes. Heleno Bernardi verdichtet das Leben und die Existenz in einem ästhetischen Phänomen, das die Grenzen von Zeit und Ort aufhebt, indem es die kulturhistorischen Anklänge unter seiner klebrigen Oberfläche einschließt. Die vergänglichen Objekte hat Bernardi über die Zeit hinweg gerettet, in dem er sie fotografieren ließ und hat so der Zeit ein Schnippchen geschlagen. Klick.

Vanitas und Hochglanz, ein Thema, das in der Literatur von Medienromanen wie Frédéric Beigbeders Roman „Neunundreißigneunzig" (französischer Originaltitel: „99 Francs") oder nicht zuletzt in Bret Easton Ellis „American Psycho" erschütternd kommentiert wurde. Eine Kaugummischlinge zieht Fäden zu den modernen Holden Caufields.

Tatsächlich? Bernardis Totenschädel ist zwar in seiner Größe erschreckend, aber nicht ausschließlich gruselig. Totenschädel können ja gar nicht aufhören zu grinsen, und so lacht auch dieses Bild gut gelaunt in seinen Rosatönen. Ihm zur Seite wird ein umhüllter Arm gestellt und mit Kaugummi-Power ausgestattet. Ein weiteres Foto zeigt in der Kraft, mit der der Kaugummi gespannt wird, höchst lebendiges Leben. Kein einseitig melancholisches Versinken in Zeit- und Vergänglichkeitsbetrachtungen: Bernardi verbindet das Sterbliche mit dem Wachsenden, dem Wuchernden gar, dem Chemischen und dem Unzerstörbaren. Es bleibt, indes, durchgekaut, nass und Fäden ziehend: eklig, aber dies auf die kindlich-faszinierende Weise, die so lustig ist. Griffe Hamlet zu einem Kaugummischädel, es gäbe einen klebrigen Slapstick auf der Bühne. Kaugummi ist mit aller globalen Omnipräsenz auch ein subversives Element, das einen laut schmatzend gängigen Höflichkeitsritualen widerstehen lässt. Indem Heleno Bernardi dieses Material wählt, dreht er beidem wirkungsvoll eine lange Nase: Dem Leben und dem Kunstbetrieb.


Julia Brodauf ist Künstlerin und Kunstkritikerin
der “Berliner Morgenpost“ und der „Welt“.

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